Interview mit Ralf Rosenberger von “Neulich im Garten”

Bei der Recherche über die Rattenschwanz-Radieschen bin ich auf den Blog “Neulich im Garten” und den dazugehörigen Selbstversorger-Kanal gestoßen und war völlig begeistert. Und da ich diese Begeisterung teilen möchte hier jetzt ein kleines Interview mit Autor und Betreiber Ralf Roesberger:

Neulich im Garten
Quelle: Neulich im Garten

Ariane: Du bist der Betreiber des Blogs “Neulich im Garten” und des Selbstversorgerkanals bei Youtube. Inhaltlich geht es um “Selbstversorgung aus dem Garten”. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ralf: Die Frage ist leicht zu beantworten. Mit Selbstversorgung ist zuerst einmal nicht Autarkie gemeint. Es geht bei mir ausschließlich um die Nahrung. Dass sich in Deutschland niemand voll und ganz mit allem, was man zur Ernährung braucht, selbst versorgen kann, ist klar. Deswegen ist mein Ansatz, so viele Kalorien selbst zu produzieren, dass wir theoretisch davon leben könnten. Mir fehlt z.B. der Platz für eine Kuh. Folglich keine Milch und kein Käse. Dafür halte ich aber Bienen und Hühner, die viel mehr erzeugen, als wir selbst verbrauchen können.
Gegeneinander aufgerechnet, komme ich auf eine theoretische Selbstversorgung in Sachen Kalorienbedarf. Das ist übrigens auch der große Unterschied zu vielen anderen Seiten im Netz, die das Wort Selbstversorgung gebrauchen. Mit rein selbst erzeugten pflanzlichen Produkten aus dem Garten, kann sich niemand ernähren. Der Kaloriengehalt im Gemüse ist viel zu gering. Genaue Zahlen findet man übrigens in einer Videoserie auf meinem YT Kanal.
Hier Teil 1 und hier Teil 2

Ariane: Wie bist du auf diese Idee gekommen? War es von vornherein geplant oder bist du da so rein geschlittert?

Ralf: Das ist eine lange Geschichte. Aber geplant war das wohl nicht. Es fing damit an, unseren Kindern ein natürlicheres und gesünderes Umfeld zu geben. So kam eins zum anderen. Mittlerweile habe ich die theoretische Selbstversorgung erreicht. Nur, die Kinder interessiert das nicht. Die wollen Computer spielen. So ist das Leben.

Ariane: Was sagt allgemein deine Familie dazu? Sind alle Feuer und Flamme oder musst du Überzeugungsarbeit leisten?

Ralf: Nix da, die Familie sieht sich nicht einmal meine Videos an. Zu einem gewissen Teil auch verständlich. Ich bin auch nicht so geworden, wie mein Vater. Aber ich lege den Grundstein für eine ökologische Einstellung zum Leben und das soll mir reichen.

Ariane: Wie Viele Quadratmeter bewirtschaftest du? Wie viel Aufwand fließt ungefähr in den Garten? Kann man als Selbstversorger nebenbei noch einem “normalen” Beruf nachgehen?
[...] die Arbeit im Garten ist ja nur ein kleiner Teil der Arbeit.

Ralf: Der nutzbare Anteil an unserem Grundstück sind ca. 2000 m2. Nicht viel. Dafür wird diese Fläche allerdings sehr intensiv genutzt. In der Saison ist der Garten und vor allem die Tiere mehr als ein Vollzeitjob. Da bleibt so einiges liegen, für das keine Zeit ist. Dafür gibt es auch Zeiten, in denen kaum was zu tun ist. Im übrigen, die Arbeit im Garten ist ja nur ein kleiner Teil der Arbeit. Die Haltbarmachung und Verarbeitung der Ernten nimmt mindestens noch einmal so viel Zeit in Anspruch. Da bleibt keine Zeit für ein berufstätiges Leben. :) Dazu kommt natürlich noch die Arbeit am PC. Artikel für meinen Blog schreiben, YT Videos erstellen und schneiden, das kostet Zeit.

Ariane: Setzt du auf rein biologische Schädlingsbekämpfung oder greifst du doch mal zur Chemiekeule, wenn der Verlust der Ernte droht?

Ralf: Nein, bei mir ist alles Bio. Ich experimentiere mit Vielem. Aber nie mit Chemie. Es gibt eine einfache Lösung für das Problem mit den Schädlingen. Ich baue einfach mehr an. Dann kommt es nicht darauf an, wenn mal ein paar Pflanzen einem Schädling zum Opfer fallen. Im übrigen passe ich meine Gewohnheiten den Gegebenheiten des Bodens und des Klimas an und nicht umgekehrt. Was hier nicht wächst, was hier nicht hingehört, wird nach ausführlichen Versuchen eben nicht mehr angebaut. Der Fairness halber muss ich aber sagen, dass ich gelegentlich Schneckenkorn in geringer Menge nutze. Ich bin nicht mehr der Jüngste und nachts mit der Taschenlampe durch den Garten zu "tigern" und Schnecken zu sammeln, das kann ich nicht mehr. :) Diesen Punkt wird jeder Hobbyselbstversorger irgendwann einmal erreichen.

Ariane: Was rätst du “Neu-Selbstversorgern” ohne große Erfahrung? Muss man aufs Land ziehen, oder gibt es auch so etwas wie “Selbstversorger” light?

Ralf: Das ist eine Frage der Ansprüche. Wer mehr will als ein wenig eigenes frisches Gemüse in der Saison, der kommt nicht umhin, sich eine größere Fläche zu besorgen. Je grösser, umso besser. Mit einem 100 m2 Garten hinterm Haus kommt man in Sachen wirklicher Selbstversorgung nicht weit. Trotzdem ist jede Möhre und jede Kartoffel aus dem Garten ein Schritt in die richtige Richtung. Kein Transport, kein Handel, keine Chemie. Kleintier macht auch Mist, so der Volksmund.

Ariane: Woran liegt es deiner Meinung nach, dass die Menschen zwar immer unsensibler für die Natur werden, aber gleichzeitig ihr Heil im Garten suchen? Ist das nicht ein Paradox?

Ralf: Ich denke nicht, dass die Menschen unsensibel sind. Der Fehler liegt im System. Der Alltag, die Sorge um den Arbeitsplatz, das liebe Geld, da bleibt vielen einfach nicht die Zeit sich zu engagieren. Und dann natürlich die Medien, die Werbung und all das Drumherum. Wer den ganzen Tag in den Kopf gehämmert bekommt, wie toll doch dieser und jener Discounter ist, der stumpft ab. Handys, das Fernsehen, ob das alles so richtig ist, sei dahin gestellt.
Auch wenn Gärten heutzutage eine Renaissance erleben, glaube ich nicht an einen Trendwandel. So ein Hype kommt schnell und er ist auch schnell wieder verschwunden. Traurig aber wahr. Es fängt ja alleine schon damit an, an die nötigen Flächen zu kommen. Ich z.B. suche nach einer Wiese für ein paar Schafe. Schon seit Jahren. Keine zu finden. Wer Land besitzt, gibt es nicht ab. Von mehr als einer Schrebergartenparzelle kann der Normalmensch doch gar nicht träumen.

Ariane: 6 Jahre Selbstversorger-Blog. Was waren deine größten Erfolge?

Ralf: Das kann ich nicht an einem einzigen Ereignis fest machen. Mich freut einfach, dass ich mit meinem Thema mittlerweile doch ziemlich viele Menschen erreiche. Mit mehr als 70000 Abonnenten auf meinem YT Kanal bin ich beim Thema Garten in Deutschland vorne. Vor allem erreichen mich viele Zuschriften von jungen Menschen. Das finde ich einfach toll. Auch die vielen Vorgärten, die nach dem "Konsum" meiner Videos in Nutzgärten verwandelt wurden, auch die vielen Menschen, die sich wegen mir ins Abenteuer Bienenhaltung gestürzt haben, freuen mich. Wie oben schon erwähnt, je mehr Menschen wieder selbst den Spaten in die Hand nehmen und eigene Erfahrungen sammeln, umso besser.
Misserfolge stärken nur meinen Respekt vor der Natur und vor unseren Vorvätern, deren Leistung kaum zu überschätzen ist.

Ariane: Was ist am meisten schief gelaufen? Gibt es etwas, dass du bereust?

Ralf: Schief gelaufen ist viel und wird auch immer viel sein. Davon lasse ich mich nicht entmutigen. Misserfolge stärken nur meinen Respekt vor der Natur und vor unseren Vorvätern, deren Leistung kaum zu überschätzen ist. Der Natur ein Leben abzuringen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Ohne all die technischen Errungenschaften und dem Wissen der heutigen Zeit. Wenn es etwas gibt, was ich bereue, dann ist es die Tatsache, nicht früher mit dem Gärtnern angefangen zu haben. Aber vielleicht brauchte ich auch ein Leben vor dem Garten, um dessen Wert schätzen zu lernen.

Vielen Dank für das Interview. Wer mehr über Ralf lesen oder hören will besucht ihn einfach auf seinem Blog "Neulich im Garten” oder seinem Youtube-Kanal.

Sollen wir mehr zum Thema Selbstversorgung schreiben? Seid ihr selbst schon auf dem Weg oder stirbt bei euch bereits der Basilikum auf der Fensterbank? Schreibt uns in den Kommentaren!

Kommentare:

Bernd

Tolles Interview, kenne Ralf schon einige Jahr auf YouTube und bin treuer ChannelFollower. Seine ehrliche, frische Art und Witz bringen einem die Themen schnell näher und oft auch zum lachen, weil man sich meist selbst wiedererkennt (zB keine Lust auf Unkraut jäten :-) )

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Quelle: imgur

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